2025 12 28: Mittelstreichungen bei Lehrerausbildung
KEB und KSV sehen aktuelle Sparmaßnahmen im Widerspruch zu den Beteuerungen aus dem Kultusministerium
Vor der Wahl des Landtags waren die Investitionen in Bildung eines der zentralen Wahlversprechen. Auch in einer der jüngsten Pressemitteilungen kurz vor Weihnachten betonte Kultusminister Armin Schwarz, dass Schulbildung die höchste Priorität habe. Im krassen Widerspruch dazu stehen die Kürzungen im Umfeld der Lehrerausbildung, die ohne Anhörung der entsprechenden Verbände durchgepaukt wurde. Kreiselternbeirat und Kreisschülervertretung nehmen dazu gemeinsam mit einer Pressemitteilung Stellung...

Der Kreiselternbeirat Bergstraße hatte am 27. November 2025 zum „Tag der Schulgemeinschaften“ ins Lessing-Gymnasium Lampertheim eingeladen - siehe dazu auch > Nachbericht zum TdS unter Punkt 2 "Geplante Mittelkürzungen". Neben dem intensiven Austausch zu Themen wie Elternmitwirkung und Schülerbeförderung stand an diesem Abend ein Punkt besonders im Fokus: die von der Hessischen Landesregierung geplanten massiven Mittelkürzungen in der zweiten Phase der Lehrkräfteausbildung, dem sogenannten Vorbereitungsdienst (Referendariat).
Hierzu berichtete Dr. Daniela Schipke, Vorsitzende des Personalrats am Studienseminar für Gymnasien Heppenheim, detailliert über die aktuellen Planungen des Hessischen Ministeriums für Kultus, Bildung und Chancen (HMKB). Vorgesehen sind Kürzungen in Höhe von 45 Millionen Euro, die unmittelbar die Ausbildung angehender Lehrerinnen und Lehrer betreffen sollen.
Geplante Einschnitte in der Übersicht:
Nach Darstellung von Frau Dr. Schipke umfassen die geplanten Maßnahmen unter anderem:
- die Verkürzung des Referendariats von 21 auf 18 Monate,
- den Wegfall der bisherigen dreimonatigen Hospitations- und Einführungsphase,
- eine Reduzierung der Unterrichtsbesuche sowie der wöchentlichen Ausbildungsstunden,
- einen Einstellungs- und Beförderungsstopp in der Lehrkräfteakademie,
- mögliche Zusammenlegungen von Studienseminaren sowie die Schließung von Fortbildungsstätten.
Diese Kürzungen sollen schrittweise greifen. Bereits ab Februar 2026 ist geplant, die den Studienseminaren zur Verfügung stehenden Ausbildungsstunden pro Lehrkraft im Vorbereitungsdienst (LiV) zu reduzieren – und zwar nicht nur für neue Jahrgänge, sondern für alle derzeit im System befindlichen LiV.
Sparen ohne Konzept?
Besonders kritisch bewertete Frau Dr. Schipke, dass diese tiefgreifenden Einschnitte bislang ohne ein tragfähiges Gesamtkonzept erfolgen sollen. Nach ihren Ausführungen wurden Gesprächsangebote der Studienseminarleitungen und der Personalräte seit mehr als sechs Monaten vom Ministerium nicht aufgegriffen. Auch die Bemühungen des Hauptpersonalrats, im Rahmen seiner Mitbestimmungsrechte Klärung herbeizuführen, seien Anfang Dezember gescheitert. Die Maßnahmen würden nun per Ministerentscheidung umgesetzt – ohne abgestimmte Planung und ohne belastbare Antworten auf die absehbaren Folgen.
Perspektivisch soll zudem der Vorbereitungsdienst insgesamt von 21 auf 18 Monate verkürzt werden. Diese Änderung erfordert eine Anpassung der gesetzlichen Grundlagen und wird daher erst in naher Zukunft greifen. Zur Diskussion steht dabei insbesondere die Streichung der dreimonatigen Einführungsphase, in der LiV bislang hospitieren, Unterricht planen und unter Anleitung erste Schritte im Schulalltag gehen konnten. Künftig müssten sie – so die derzeitigen Überlegungen – vom ersten Tag an eigenständig unterrichten, ohne diese wichtige Eingewöhnungs- und Orientierungsphase. Parallel dazu sollen ausgerechnet die für Beratung und Qualitätssicherung zentralen Unterrichtsbesuche weiter reduziert werden.
Warum diese Praxisphase so entscheidend ist
Wie wichtig diese Praxisphase für angehende Lehrkräfte ist, wurde im weiteren Verlauf des Abends eindrucksvoll deutlich. Frau Dr. Schipke erinnerte daran, dass der erste, universitäre Teil der Lehrkräfteausbildung – insbesondere in vielen MINT-Fächern – kaum pädagogische oder didaktische Praxis vermittelt. Das Referendariat sei daher nicht nur formaler Ausbildungsschritt, sondern der Ort, an dem das eigentliche „Handwerkszeug“ des Lehrerberufs erlernt werde: Klassenführung, Unterrichtsplanung, Umgang mit heterogenen Lerngruppen, Elterngespräche und schulische Zusammenarbeit.
Breite Unterstützung aus dem Publikum
Die Ausführungen von Frau Dr. Schipke lösten eine lebendige und engagierte Diskussion aus, an der sich Schulleitungen, Lehrkräfte und Eltern gleichermaßen beteiligten. Die vorgetragenen Sorgen wurden aus unterschiedlichen Perspektiven untermauert:
- Eine anwesende Schulleiterin, die selbst seit vielen Jahren Lehrkräfte ausbildet, bestätigte, dass eine Verkürzung des Vorbereitungsdienstes für die meisten LiV kontraproduktiv Gerade die Hospitationsphase ermögliche es, Unterricht „von der Pike auf“ kennenzulernen und Sicherheit zu gewinnen.
- Mehrere Lehrkräfte berichteten aus eigener Erfahrung, wie unverzichtbar die begleitete Einstiegsphase gewesen sei. Erst durch Hospitationen und Unterrichtsbesuche bei erfahrenen Kolleginnen und Kollegen habe man gelernt, Theorie und Praxis sinnvoll zu verbinden.
- Viele Eltern zeigten sich überrascht und irritiert. Gerade vor dem Hintergrund des bestehenden Lehrkräftemangels und politischer Ankündigungen, Bildung stärken und mehr Lehrkräfte gewinnen zu wollen, erscheine es widersprüchlich, ausgerechnet bei der Qualität der Ausbildung zu sparen.
Blick über die Landesgrenzen
Ein Vergleich mit anderen Bundesländern verdeutlicht aus Sicht des Kreiselternbeirats die Risiken der hessischen Pläne. Während Bayern – gestützt auf wissenschaftliche Untersuchungen – weiterhin an 24 Monaten Referendariat festhält, hat Rheinland-Pfalz den Vorbereitungsdienst bereits auf 18 Monate verkürzt. Dort ist nach übereinstimmenden Berichten die Abbrecherquote im Referendariat signifikant gestiegen – ein Warnsignal, das nicht ignoriert werden sollte.
Sorge um die Zukunft der Schulen
Frau Dr. Schipke machte abschließend deutlich, dass die geplanten Einschnitte nicht nur die Ausbildung der jungen Lehrkräfte betreffen. Sie hätten unmittelbare Auswirkungen auf die Qualität des Unterrichts und damit auf die Bildungschancen der Schülerinnen und Schüler. Ein überforderter Einstieg in den Beruf erhöhe das Risiko von Abbrüchen, Burnout und frühzeitigen Berufswechseln – mit langfristigen Folgen für das gesamte Schulsystem.
Der Kreiselternbeirat und die Kreisschülervertretung Bergstraße teilen diese Sorgen ausdrücklich. Sie sehen die geplanten Kürzungen als falsches Signal in einer Zeit, in der Schulen Stabilität, Qualität und gut ausgebildete Lehrkräfte mehr denn je benötigen. KEB und KSV kündigen an, dieses Thema weiterhin aufmerksam zu begleiten und den Dialog zwischen Eltern, Schülern, Schulen, Ausbildungseinrichtungen und politisch Verantwortlichen aktiv einzufordern.
Abschließend appellieren der Kreiselternbeirat und die Kreisschülervertretung an die Landesregierung, die geplanten Maßnahmen kritisch zu überprüfen, den Austausch mit den Fachgremien wieder aufzunehmen und nicht kurzfristige Sparzwänge, sondern die langfristige Qualität von Bildung in den Mittelpunkt zu stellen.
> Pressemitteilung des KEB/KSV vom 28.12.25
💬 "Demonstration" vor dem Ministerium in Wiesbaden vom 29.11.25: